PM vom 23.06.2016: Türkische Journalisten Can Dündar und Erdem Gül erhalten den "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" 2016 der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig.

Leipzig, der 23. Juni 2016. Mit dem Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig werden im Jahr 2016 die türkischen Journalisten Can Dündar und Erdem Gül geehrt. "Unter den Nominierten dieses Jahres waren zahlreiche Journalisten und Medienorganisationen, die sich in ihren Heimatländern oder länderübergreifend mit großem Einsatz um das freie Wort verdient machen", erklärt Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung. "Mit der gemeinsamen Würdigung für Can Dündar und Erdem Gül ehren wir zwei Journalisten, die stellvertretend stehen für viele ihrer Kollegen in der Türkei und darüber hinaus: Sie gehen unabhängig und unvoreingenommen ihrer journalistischen Arbeit nach - ungeachtet politisch motivierter Verfolgung, der Bedrohung durch Haftstrafen oder Gefahren für Leib und Leben. Das in den vergangenen Jahren vier türkische Journalisten (Ahmed Altan, Nedim Şener, Can Dündar und Erdem Gül) mit unserem Preis ausgezeichnet wurden, kennzeichnet den Zustand der Pressefreiheit in der Türkei", so Seeger weiter. Der Preis ist mit insgesamt 30.000 Euro dotiert und wird zu gleichen Teilen an beide Journalisten vergeben. Can Dündar und Erdem Gül nehmen den Preis an und werden ihn im Rahmen der Preisverleihung am 7. Oktober in Leipzig entgegennehmen (sofern sie nicht daran gehindert werden).

Dass nach den Verleihungen in den vergangenen Jahren nun erneut zwei türkische Journalisten ausgezeichnet werden, begründet Seeger: "An der Entscheidung der Jury lässt sich ablesen, dass die Bedrohung der Pressefreiheit in der Türkei inzwischen als systemimmanent angesehen wird, dass sie permanent eine pluralistische Meinungsbildung verhindert und so journalistische Existenzen gefährdet. Can Dündar und Erdem Gül, zwei herausragende und renommierte Journalisten, sehen sich dieser Bedrohung seit Jahren ausgesetzt, zuletzt in ihrer Arbeit als Chefredakteur bzw. Ankara-Korrespondent der Zeitung Cumhuriyet." Diese Entwicklung in einem so wichtigen Partnerland Europas bereitet der Jury große Sorgen.

Das "Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit" (ECPMF) bestätigt die Entscheidung der Jury im allgemeinen sowie auch im speziellen Falle Dündars und Güls. Bei der Prozesseröffnung gegen beide war mit Michelle Trimborn eine Vertreterin des Zentrums vor Ort in Istanbul, um die Journalisten persönlich zu treffen und beim Kampf für ihre Rechte zu unterstützen. Das ECPMF setzt sich aktiv für diese und andere in der Türkei bedrohte Journalisten ein. Beide Journalisten wurden zur Zielscheibe des Staates wegen eines gemeinsam verfassten Berichts über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien. Die Reaktion auf ihre Arbeit bestand nicht in einer staatlichen Untersuchung der Presseberichte, sondern in der juristischen Verfolgung der Journalisten und einer Anklage als Spione und Helfer von Terroristen, der sich auch der türkische Staatspräsident Erdogan als Nebenkläger anschloss. Ihre - noch nicht rechtskräftige - Verurteilung im Mai 2016 lässt stark begründete Zweifel daran aufkommen, dass die türkische Justiz die Pressefreiheit zu verteidigen gedenkt. Die Preisvergabe an Can Dündar und Erdem Gül ist deshalb auch ein Zeichen der Solidarität an sie, ihre Familien und alle weiteren Journalisten, die derzeit in der Türkei unter staatlichen Repressalien leiden.

Zu den Preisträgern
Can Dündar wurde 1961 in Ankara (Türkei) geboren. Er studierte Journalismus an der Fakultät für Politikwissenschaften der Universität Ankara (bis 1982) und an der London School of Journalism (bis 1986), erhielt 1988 seinen Mastergrad und 1996 seinen Doktortitel in Politikwissenschaften an der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara. Anschließend arbeitete er für verschiedene Zeitungen und Fernsehsender unter anderem seit 1988 für die staatliche TRT sowie für private Kanäle wie CNN Türk und NTV. Über viele Jahre arbeitete er als Kolumnist für die Zeitung Milliyet, 2013 wurde er dort fristlos entlassen, wohl wegen kritischer Kolumnen zu den Protesten um den Istanbuler Gezi-Park. Anschließend wechselte er zur Cumhuriyet, deren Chefredakteur er Anfang 2015 wurde. Im Mai 2014 veröffentlichte er gemeinsam mit Ankara-Büroleiter Erdem Gül Material über angebliche Verstrickungen des türkischen Staates in den syrischen Bürgerkrieg.

Erdem Gül wurde 1967 im türkischen Giresun geboren und studierte Journalismus an der Gazi-Universität in Ankara. 1992 begann er seine berufliche Laufbahn bei der türkischen Nachrichtenagentur Anka. 2010 wurde er zunächst Parlamentsreporter von Cumhuriyet, seit 2013 leitete er das Hauptstadtbüro der Zeitung in Ankara. Im Cumhuriyet-Prozess um die Berichterstattung zu einem geheimen Militärtransport der Türkei nach Syrien galt Erdem Gül als Hauptangeklagter. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Auch dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Im November 2015 wurden beide Journalisten verhaftet, wobei das türkische Verfassungsgericht die Untersuchungshaft im Februar 2016 als unrechtmäßig bezeichnete. Der Prozess begann am 25. März 2016, die Anklage lautete auf wissentliche und willentliche Unterstützung einer bewaffneten Terrororganisation und Spionage von Staatsgeheimnissen. Während Dündar am 6. Mai 2016 auf das Urteil wartete, wurde ein Schusswaffenattentat auf ihn verübt. Dündar wurde wegen der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen zu fünf Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, Gül zu fünf Jahren. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Zum Preis
Mit dem "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" ehrt die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig seit 2001 jährlich Journalisten, Verleger und Institutionen, die sich mit hohem persönlichem Einsatz für die Freiheit und Zukunft der Medien engagieren. Der Preis soll auch die Erinnerung an die friedliche Revolution in Leipzig am 9. Oktober 1989 wachhalten: Damals forderten die Demonstranten "eine freie Presse für ein freies Land".


Preisträger:
2016 - Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien
2016 - Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien