"Ein Meister der Zeitschächte"

Sergej Lebedew erhält den Erich-Loest-Preis 2027.

Leipzig, der 30. September 2026. Sergej Lebedew wird mit dem Erich-Loest-Preis 2027 der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig ausgezeichnet. Der im Andenken an den am 12. September 2013 verstorbenen Leipziger Schriftsteller und Ehrenbürger Erich Loest ins Leben gerufene Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird zum siebten Mal verliehen. Die Preisverleihung wird am 24. Februar 2027 - dem Geburtstag Erich Loests - im Mediencampus Villa Ida in Leipzig stattfinden.

"Sergej Lebedew zählt zu den profiliertesten Vertretern der jüngeren russischen Literatur", erklärt Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung und Direktor Stiftungen der Sparkasse Leipzig. "In seinen Büchern beschäftigt ihn vor allem das Erbe der Sowjetunion mit all den Auswirkungen, die vor allem ihre Gewaltgeschichte auf das Leben bis ins heutige Russland hat. In seinem jüngsten Roman 'Die Beschützerin' findet er vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ein eindrückliches Bild hierfür", so Seeger weiter. Dieser Roman stand auch im Mittelpunkt der Entscheidung der Preis-Jury unter dem Vorsitz von Andreas Platthaus. "Die Jury ehrt mit diesem Roman ein sprachlich virtuoses Werk aus Schuld und Verdrängung, altem und neuem Grauen, Wut und Ohnmacht, das geschichtsphilosophisch fundiert gleichsam prophezeiend aktuell ist. Damit hat sie erneut eine hervorragende und wohlüberlegte Wahl getroffen, für die ich mich aufs Herzlichste bedanke. Unserem neuen Erich-Loest-Preisträger Sergej Lebedew gratuliere ich zu dieser hochverdienten Auszeichnung", so Seeger weiter.

Die Jury begründete die Wahl Lebedews wie folgt: "Sergej Lebedew ist der Meister der Zeitschächte, ein Geologe der Literatur. Sein Stoff ist der Ausbruch des Vergangenen, das (…) die Gegenwart zu beherrschen sucht. (…) Sergej Lebedew ist ein poetischer Ruinenmann, der sich dem Nachhall des Verleugneten aussetzt, sprachtiefe Räume schafft, europäische Gewaltlandschaften gleich Spiegelszenen ausliest und sich einer Sprache der Erinnerung verpflichtet." (Die vollständige Jurybegründung finden Sie am Ende dieser Meldung)

Zur Jury gehörten neben dem Vorsitzenden Andreas Platthaus (Chef des Ressorts Literatur und literarisches Leben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) Ulrika Rinke (Programmleiterin des Literaturhauses Rostock), Linde Rotta (freie Schriftstellerin), Ines Geipel (Schriftstellerin und Professorin für Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" sowie Erich-Loest-Preisträgerin 2023) sowie Prof. Dr. Jobst Welge (Professor für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig).

Zum Preis:

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig im Andenken an den Schriftsteller Erich Loest seit 2017 vergeben. Im Regelfall erfolgt die Preisvergabe in zweijährigem Rhythmus. Erich Loest war den Stiftungen der Sparkasse zeitlebens eng verbunden - als Gründungsmitglied der Medienstiftung und als Mäzen der Kultur- und Umweltstiftung, der er seinen literarischen Nachlass übereignete. Der Preis würdigt Autoren, die die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Deutschland nicht nur beschreiben, sondern mit ihrer Stimme den demokratischen Diskurs mitgestalten. Zudem sollen die Preisträger dem mitteldeutschen Raum verbunden sein. Bisherige Preisträger waren Guntram Vesper (2017), Hans Joachim Schädlich (2019), Ulrike Almut Sandig (2021), Ines Geipel (2023), Ronya Othmann (2025) und Durs Grünbein (2026).

Zum Preisträger:

Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren. Mit einem Geologie-Studium trat er in die Fußstapfen seiner Eltern und arbeitete acht Jahre lang als Feldarbeiter bei geologischen Expeditionen im hohen Norden Russlands und in Zentralasien. Seit 2001 ist Lebedew auch als Journalist tätig, sein Schwerpunkt liegt auf historischen und bildungspolitischen Themen. Sergej Lebedew verfasst investigative Berichte, Kommentare und Essays für Medien weltweit, darunter die Neue Zürcher Zeitung, Liberties, Osteuropa und Washington Post.

Seit 2010 hat Sergej Lebedew sechs Romane veröffentlicht, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit der verborgenen sowjetischen Vergangenheit, den Auswirkungen von Stalins Repressionen sowie deren Folgen für das moderne Leben in Russland befassen. Vier seiner Romane greifen die eigene Familiengeschichte auf: "Der Himmel auf Ihren Schultern" (2013), "Das Jahr des Kometen" (2013), "Menschen im August" (2015) und "Kronos' Kinder" (2018) bilden einen Metaroman, der das von der Sowjetunion hinterlassene totalitäre Trauma beleuchtet. Der fünfte Roman "Das perfekte Gift" (2021), ist ein intellektueller Thriller aus der Schattenwelt der russischen Geheimdienste und deren Operationen im Ausland. Im Jahr 2025 veröffentlichte er "Die Beschützerin", der die frühen Phasen der russischen Aggression gegen die Ukraine im Jahr 2014 beschreibt.

2022 war Lebedew Mitorganisator und Unterzeichner eines offenen Briefs der russischen Kunstszene gegen die Invasion Russlands in der Ukraine. 2025 stellte er als Herausgeber die Anthologie "Nein" zusammen, die die Stimmen von 25 russischen Künstlern und Intellektuellen gegen den Ukraine-Krieg vereint.

Lebedews Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt und standen auf Shortlists bedeutender russischer und europäischer Literaturpreise.

Seit September 2018 lebt Sergej Lebedew in Potsdam. Er schreibt auf Russisch, Englisch und Deutsch.

Die vollständige Jurybegründung:

"Sergej Lebedew ist der Meister der Zeitschächte, ein Geologe der Literatur. Sein Stoff ist der Ausbruch des Vergangenen, das - wie es im Roman 'Die Beschützerin' heißt - 'arrangiert, gemischt, verschlungen' die Gegenwart zu beherrschen sucht. Zentrales Geschichtsbild im Text ist der Betonpfropfen, der das Echolot der Gewalt versiegelt. Den würden die Sowjets zwar gern ziehen, um die deutschen Verbrechen öffentlich zu machen, allerdings bestünde die Gefahr, dass dadurch auch die eigenen kenntlich würden. Somit bleibt der Pfropfen dort, wo er ist und verschlossen. Sergej Lebedew schreibt dazu: 'Es fehlt grundsätzlich am Willen zur Demontage der imperial-chauvinistischen Bewusstseinsmatrix.'

Diese Matrix zu sprengen, macht seine Bücher zu einer solitären Schattenkunde. Das Verleugnete, Vergessene, das Gift des Alten, kehrt wieder und beansprucht eine abgründige Nachexistenz. Als würden die Stimmen in Lebedews Büchern unentwegt durch eigene Gespensterwelten wandern. Die einen beschweigen, verdrängen, die anderen müssen bekunden, dem Horror die eigene Zeugenschaft entgegensetzen. Sergej Lebedew, der 1981 in Moskau geboren wurde und heute in Potsdam lebt, ist ein poetischer Ruinenmann, der sich dem Nachhall des Verleugneten aussetzt, sprachtiefe Räume schafft, europäische Gewaltlandschaften gleich Spiegelszenen ausliest und sich einer Sprache der Erinnerung verpflichtet. Die Jury des Erich-Loest-Preises ehrt mit Sergej Lebedews Roman 'Die Beschützerin' ein sprachlich virtuoses Werk aus Schuld und Verdrängung, altem und neuem Grauen, Wut und Ohnmacht, das geschichtsphilosophisch fundiert gleichsam prophezeiend aktuell ist."


Preisträger:
2027 - Erich-Loest-Preis