PM vom 12.07.2013: "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" 2013 an investigative Journalisten und ihre Förderer

Tongam Rina aus Indien, Jörg Armbruster und Martin Durm aus Deutschland sowie Brigitte Alfter und Ides Debruyne aus Dänemark und Belgien sind die Preisträger des "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" 2013.

LEIPZIG. Den "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" erhalten 2013 die indische Journalistin Tongam Rina, die Initiatoren des 2008 gegründeten "European Fund for Investigative Journalism" Brigitte Alfter und Ides Debruyne sowie die deutschen Journalisten Jörg Armbruster, bis 2012 ARD-Korrespondent für den Nahen und Mittleren Osten, und Martin Durm, Hörfunkreporter des SWR. Mit dem Preis zeichnet die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig fünf Persönlichkeiten aus, die sich besonders mutig und engagiert für die Pressefreiheit und die Zukunft unabhängiger Berichterstattung einsetzen. Der Preis ist mit insgesamt 30.000 Euro dotiert und wird den Preisträgern am 8. Oktober 2013 persönlich in Leipzig überreicht.

"Mit Tongam Rina, Jörg Armbruster und Martin Durm ehren wir in diesem Jahr drei Journalisten, die sich unter einem sehr hohen persönlichen Einsatz für eine unabhängige Berichterstattung eingesetzt haben und immer noch einsetzen - Rina in ihrem Heimatland Indien, Armbruster und Durm unter anderem als deutsche Korrespondenten in Syrien. Ihre Lebenswege zeigen die alltägliche Bedrohung auf, der kritische Journalisten bis heute bei ihrer Arbeit ausgesetzt sind. Zugleich will die Jury mit Brigitte Alfter und Ides Debruyne zwei Menschen auszeichnen, die sich seit Jahren intensiv um die institutionelle Förderung eines länderübergreifenden Recherchejournalismus einsetzen und mit ihrer Arbeit helfen, investigativem Journalismus, der für eine offene, pluralistische Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist, auch in Zeiten der Medienkrise in Europa eine Zukunft zu geben", begründet Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung, die Auswahl der Jury.

In der indischen Öffentlichkeit, bei internationalen Beobachtern und Kollegen vor Ort genießt Tongam Rina (Jahrgang 1979) einen exzellenten Ruf, der sich sowohl auf ihre journalistische Arbeit als auch auf ihre persönliche Integrität gründet. Zwar wird die Pressefreiheit in Indien von der Verfassung garantiert, das Beispiel Tongam Rina zeigt jedoch die akute Gefährdung kritischer Journalisten im Land: als Reporterin der "Arunachal Times" im Bundesstaat Arunachal Pradesh berichtet sie über Korruption innerhalb lokaler Behörden bei der Verteilung von Nahrungsmitteln, den fragwürdigen Bau von Staudämmen, Umweltskandale, militärische Operationen der extremistischen NSCN sowie die Situation von Frauen in Indien.

Am 15. Juli 2012 wurde Tongam Rina vor dem Redaktionsgebäude der Zeitung von Unbekannten niedergeschossen und erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Es wird vermutet, dass der Mordanschlag in Zusammenhang mit ihrer journalistischen Arbeit steht. Aktuell wurden drei Personen festgenommen, der vermutliche Drahtzieher ist aber noch auf der Flucht. Bereits zuvor hatte es gewaltsame Übergriffe und Drohungen gegen Mitarbeiter der Zeitung gegeben.

Derzeit ist Tongam Rina Gast der "Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte" und will von Deutschland aus weiter recherchieren. Diese Unbeugsamkeit macht sie - wie auch ihre frühere Arbeit als Präsidentin der Journalistengewerkschaft in Arunachal Pradesh - zu einem Vorbild für Nachwuchsjournalisten in Indien.

Jörg Armbruster (Jahrgang 1947) als ARD-Korrespondent und Martin Durm (1959) als SWR-Hörfunkreporter haben das Risiko auf sich genommen, unabhängig und authentisch vom Leid der Menschen im Bürgerkriegsland Syrien zu berichten, das für Journalisten derzeit neben Somalia als eines der gefährlichsten Länder der Welt gilt. Die Arbeit der beiden Journalisten ist nicht hoch genug einzuschätzen, da aus Syrien oftmals nur dubioses Bildmaterial aus zweiter Hand vorliegt, das auch manipuliert sein könnte.

Bei einer gemeinsamen Recherchereise für einen Dokumentarfilm im März 2013 gerieten sie in der umkämpften syrischen Metropole Aleppo in einen Hinterhalt. Armbruster wurde dabei schwer verletzt. "Unter Lebensgefahr berichten oder nicht? Dieses Dilemma ist in der Krisenberichterstattung unauflösbar", schreibt der NDR in einem ZAPP-Beitrag vom Juli 2012. Einerseits braucht die Gesellschaft verlässliche Informationen und Bilder über die Krise in Syrien, andererseits sollten sich die Reporter so gut wie möglich absichern.

Jörg Armbruster war von 1999 bis 2005 sowie wieder ab 2010 ARD-Korrespondent und Studioleiter in Kairo, ab 2012 lag sein Hauptaugenmerk auf der Berichterstattung aus Ägypten und Syrien. Nach seiner Verletzung befindet er sich auf dem Weg der Besserung. Martin Durm berichtete ab 1991 aus dem ARD-Studio in Kairo, zwischen 1996 und 2001 war er dort als ARD-Hörfunkkorrespondent tätig. Zwischen 2006 und 2011 wechselte er als Korrespondent ins ARD-Studio Straßburg. Jörg Armbruster und Martin Durm werden für ihre Berichterstattung aus Syrien als Team ausgezeichnet.

Brigitte Alfter (Dänemark, Jahrgang 1966) und Ides Debruyne (Belgien, Jahrgang 1966) sind Initiatoren des "Journalismfund.eu". Die 2008 gegründete Organisation fördert europäischen, kooperativen Recherchejournalismus durch Recherche-Stipendien sowie die "European Data Harvest Conference" für Daten- und Recherchejournalismus.
Alfter und Debruyne erkannten den Bedarf an gründlichen Recherchen zu europäischen Themen, bei deren Bearbeitung Journalisten nicht durch Ländergrenzen behindert werden sollten. Die Stipendien der Organisation ermöglichen es Journalisten, in multinationalen Rechercheteams zusammen zu arbeiten. Beispiele für länderübergreifende Themen sind Menschenhandel, Missbrauch von EU-Geldern oder auch illegaler Waffenhandel.

Ein Musterbeispiel für die Rolle von Journalismfund.eu ist die lettisch-irische Recherche zu den "Lettischen Bräuten", in der Zwangsheiraten zwischen lettischen Frauen und asiatischen Männern aufgedeckt wurden. Junge - oft arme - lettische Frauen wurden mit Arbeitsangeboten nach Irland gelockt, wo sie zu Heiraten mit asiatischen Männern gezwungen und oft unter erniedrigenden Umständen gefangen gehalten wurden, bis die "Ehemänner" ihre Aufenthaltsgenehmigung bekamen. Die Veröffentlichung führte zu Gesetzesinitiativen in beiden Ländern.

Brigitte Alfter war Brüssel-Korrespondentin der dänischen Zeitung "Dagbladet Information" und Gründungs-Mitglied des dänischen "Scoop-Projektes" zur Förderung von Recherchejournalismus vor allem in Osteuropa. Ides Debruyne ist Managing Director des "Journalismfund.eu" und lehrt Journalismus an der Universität Gent.

Mit dem "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" ehrt die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig seit 2001 jährlich Journalisten, Verleger und Institutionen, die sich mit hohem persönlichem Einsatz für die Freiheit und Zukunft der Medien engagieren. Der Preis soll auch die Erinnerung an die friedliche Revolution in Leipzig am 9. Oktober 1989 wach halten: Damals forderten die Demonstranten "eine freie Presse für ein freies Land."


Preisträger:
2013 - Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien
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