PM vom 08.10.2015: Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien an Jafar Panahi und Nedim Şener verliehen

"Die Ära staatlicher Repression und Isolation hat ein Ende"

Leipzig, 8. Oktober 2015. Mit dem Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien 2015 ehrte die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig am Abend des 8. Oktober den deutsch-türkischen Journalisten Nedim Şener sowie den iranischen Filmemacher Jafar Panahi in einer Festveranstaltung. Der Preis geht an Menschen und Institutionen, die sich mit Mut und außergewöhnlichem Engagement für die Durchsetzung und den Erhalt der Pressefreiheit einsetzen, und ist mit insgesamt 30.000 Euro dotiert.

"In diesem Jahr hat sich die Lage für Journalisten und unabhängige Medien in vielen Teilen der Welt weiter verschlechtert", erklärte Dr. Harald Langenfeld, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Leipzig und Vorsitzender des Vorstands der Medienstiftung, im Rahmen der Preisverleihung. Er erinnerte an den Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo", an Journalisten in Krisengebieten wie der Ukraine, Syrien und Irak, mahnte aber: "In Deutschland erleben wir Woche für Woche, wie sich in islam- und fremdenfeindlichen Demonstrationen auch eine grundsätzliche Ablehnung von Meinungsvielfalt und Pressefreiheit zu manifestieren scheint. (…) Bei aller Unterschiedlichkeit im Einzelfall wird in diesen Beispielen deutlich, dass Presse- und Meinungsfreiheit immer und überall Fürsprecher braucht."

Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig und Vorsitzender des Stiftungsrats der Medienstiftung, würdigte die Preisträger: "Jafar Panahi, der iranische Filmemacher, begreift seine Arbeit als einen Beitrag zur Liberalisierung seines Landes. Auch gegen Zensur und Publikationsverbote hat er es immer wieder geschafft, uns einen anderen, einen widersprüchlichen Iran zu zeigen. Für die Weltöffentlichkeit, denn niemand geringeres ist Adressat seiner Filme, ist er ein Hoffnungsträger für Veränderungen in seiner Heimat geworden." Nedim Şener sei einer der renommiertesten Journalisten der Türkei, "dessen Bücher, Recherchen und Reportagen immer wieder das fein gesponnene Netz von Staat, Geheimdienst und Justiz aufgedeckt haben." An die Preisträger gewandt, sagte Jung: "Es bedarf eines großen Mutes, eines wirklichen Willens zur Wahrheit, um Ihre Arbeit zu tun."

Nedim Şener, vor allem wegen seiner Recherchen im Mordfall Hrant Dink von staatlichen Behörden verfolgt, nahm die Ehrung persönlich entgegen: "Seit sieben Jahren versuche ich, die Wahrheit hinter diesem Fall ans Licht zu bringen. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, wie schwer es sein würde, die Wahrheit zu sagen, und wie hoch der Preis hierfür sein würde." In seinem Heimatland gäbe es strukturelle Bedrohungen der Pressefreiheit: "Ein unparteiischer Journalist zu sein, heißt in der Türkei, beschimpft zu werden, Gewalt zu erfahren und entlassen zu werden", so Şener (die Dankesrede finden Sie hier.)

Jafar Panahi, wegen einer fehlenden Ausreisegenehmigung seitens des Iran durch seinen Bruder Yousef Panahi vertreten, erklärte: "Die Tatsache, dass Nedim und ich trotz Berufsverbots von Seiten unserer Regierung weiter arbeiten, zeigt, dass die Ära staatlicher Repression und Isolation ein Ende hat." Angesichts von Internet und Satellitenkommunikation sei es "kindisch, dass die Regierungen versuchen, mit Informationsquarantäne und Beschränkungen Zensur auszuüben." Es sei seine "idealistische Vorstellung, dass die Machthaber zu der Erkenntnis kämen, dass sie mit Zensur und Strafe nichts bewirken können", so Panahi in seiner Dankesrede (diese finden Sie hier).

Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung und Direktor Stiftungen der Sparkasse Leipzig, betonte auf der Pressekonferenz zur Preisverleihung, angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatte und den damit zusammenhängenden, teils gewalttätigen Demonstrationen sei es notwendig, die Freiheiten Europas zu verteidigen: "Nicht mehr nur am Hindukusch, sondern auch im Taunus, im Erzgebirge, in der Rhön. Wir müssen einstehen für die Freiheit der Journalisten, ihrer Arbeit unbedroht nachzugehen. Wir müssen dafür kämpfen, dass Meinungen offen geäußert und begründet werden können. Wir müssen Argumente hören und abwägen", so Seeger. Erinnernd an den Herbst 1989, mahnte er: "Gerade mit den Erfahrungen aus unserer Geschichte sollten wir wissen, was es heißt, die Heimat verlassen zu müssen. Die Friedliche Revolution hat viele Erben, und nicht alle schaffen es, das Erbe sorgsam zu verwalten."

In der "Leipziger Rede zur Medien- und Pressefreiheit" im Rahmen der Preisverleihung erklärte Henrik Kaufholz, Journalist in Dänemark, Mitbegründer und Manager des Projekts SCOOP sowie Vorstandsvorsitzender des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF): "Die Medien sind unter Druck, die Pressefreiheit, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit sind akut gefährdet – und damit ist auch die Basis für eine offene und freie Gesellschaft bedroht." In Westeuropa nähme man diese Bedrohung kaum wahr: "Wir scheinen über alles Bescheid zu wissen. Wir haben die Welt in Form eines Smartphones in der Hosentasche. Wir sind 24/7 online. Und dennoch fällt es uns zunehmend schwer, uns in dieser informierten Welt aufs Wesentliche zu konzentrieren. Und Menschenrechte sind wesentlich!" Er benannte zahlreiche Beispiele, in denen kürzlich Journalisten bedroht oder in ihrer Arbeit behindert wurden. Vielfach werde mit Selbstzensur reagiert. Das in diesem Jahr in Leipzig gegründete Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit werde diese Fälle werde solche Fälle dokumentieren, analysieren und Öffentlichkeit dafür herstellen sowie bedrohten Journalisten gezielt beispringen: "Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um den Druck auf die Pressefreiheit zu reduzieren – egal wo auf der Welt!", so Kaufholz.

Zu den Medienpreisträgern 2015:

Jafar Panahi wurde am 11. Juli 1960 im iranischen Mianeh geboren. Nach dem Studium der Regie an der Hochschule für Kino und Fernsehen in Teheran, bei dem er auch das Weltkino kennenlernen konnte, startete er seine berufliche Laufbahn zunächst mit Fernsehprojekten und als Regieassistent. 1995 wurde sein Debütfilm "Der weiße Ballon" mit der Goldenen Kamera der Internationalen Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet. 1997 erhielt er für seinen Film "Der Spiegel" den Goldenen Leoparden auf dem Filmfestival von Locarno. Sein mit dem Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig gewürdigter Film "Der Kreis" (2000) wurde in seinem Heimatland verboten – ebenso wie die Mehrzahl seiner folgenden Arbeiten wie "Offside" (2006, Silberner Bär bei der Berlinale), "Dies ist kein Film" (2011), "Geschlossener Vorhang" (2013, Silberner Bär bei der Berlinale) und "Taxi Teheran" (2014, Goldener Bär bei der Berlinale 2015). Darüber hinaus erhielt Panahi weitere Auszeichnungen wie den Carrosse d’Or auf dem Filmfestival in Cannes 2011 und den Sacharow-Preis für geistige Freiheit 2012 des Europäischen Parlaments. Nach den iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 unterstützte Panahi offen die Oppositionsbewegung der "Grünen Revolution". Am 1. März 2010 wurde er gemeinsam mit Frau und Tochter von der iranischen Polizei festgenommen und zunächst ohne Anklage für drei Monate inhaftiert. Im Dezember 2010 wurde er wegen "Propaganda gegen das System" zu sechs Jahren Haft und einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt. Trotzdem gelingt es ihm regelmäßig, neue Filme zu veröffentlichen. Sein jüngstes Werk "Taxi Teheran" wurde 2015 mit dem Golden Bären der Berlinale ausgezeichnet.

Nedim Şener wurde 1966 in Deutschland geboren. 1990 absolvierte er ein Wirtschaftsstudium an der Universität Istanbul, seit 1991 arbeitet er für verschiedene türkische Zeitungen, zunächst für Ilk Haber, zwischen 1992 und 1994 für Dünya, 1994 bis 2011 für Milliyet und seit 2011 für Posta. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter Publikationen über Korruption, Betrug, organisierte Kriminalität, Steuerhinterziehungen, die Finanzierung von terroristischen Vereinigungen und über Geheimdienste. 2009 veröffentlichte er seine Recherchen über den Mord an Hrant Dink: Der Herausgeber der armenisch-türkisch-sprachigen Wochenzeitung war 2007 auf offener Straße erschossen worden. Şener warf den türkischen Behörden und insbesondere dem Geheimdienst vor, den Mord nicht verhindert zu haben, die Polizei soll den mutmaßlichen Mörder angestiftet haben. Der Journalist wurde daraufhin wegen illegaler Verbreitung vertraulicher Informationen angeklagt, jedoch vor Gericht freigesprochen. 2011 wurde Şener gemeinsam mit zehn weiteren Personen festgenommen, weil er zum Medien-Arm der Untergrundgruppe Ergenekon gehören soll, die einen Putsch gegen die Regierung Erdogan geplant haben soll. Er blieb bis März 2012 insgesamt 375 Tage in Haft und gilt in der Türkei weiterhin als Terrorist.


Preisträger:
2015 - Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien
2015 - Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien