Hermann Bohlen wird mit dem Günter-Eich-Preis 2026 ausgezeichnet.
Leipzig, der 28. Mai 2026. Der Günter-Eich-Preis 2026 der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig geht an den Hörspielautor Hermann Bohlen. Dies entschied die Jury unter Vorsitz von Thomas Fritz, langjähriger Hörspieldramaturg unter anderem beim MDR. Der Preis wird an Autoren vergeben, die sich besondere Verdienste um das deutschsprachige Hörspiel erworben haben, und ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Preisverleihung findet am 2. Juli 2026 im Rahmen des Sommerfestes der Stiftungen der Sparkasse Leipzig auf dem Mediencampus Villa Ida in Leipzig, Sitz der Stiftungen, statt. Am gleichen Tag erfolgt die Verleihung des Axel-Eggebrecht-Preises für das Radio-Feature, der in diesem Jahr an die Feature-Autorin Marie von Kuck verliehen wird.
"Hermann Bohlen gibt sich nie mit dem zufrieden, was er erreicht hat. Er stellt sich immer wieder die Fragen: Ist das schon alles? Kann Hörspiel nicht noch mehr? Als Hörspielautor, Regisseur, Produzent und Schauspieler seiner selbst erdachten Figuren lotet er mit Hörspielen wie Die Wauwautheorie, Prozedur 7.7.0 oder Gräser fliegen nur noch selten seit über 30 Jahren die Grenzen der Kunstgattung Hörspiel in all ihren Winkeln und Verzweigungen aus und geht auch über diese Grenzen hinaus," würdigt Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung und Direktor Stiftungen der Sparkasse Leipzig den Preisträger. "Für die verdiente Auszeichnung mit unserem Preis gratuliere ich Hermann Bohlen auf das Herzlichste. Außerdem gebührt der Jury mein Dank für diese hervorragende Wahl", so Seeger weiter.
Preisträger Hermann Bohlen, der von der Abteilung Hörspiel, Kultur | MMT Fiktion Audio des Schweizer Radio und Fernsehen SRF, nominiert worden war, dankte für die Auszeichnung mit dem Günter-Eich-Preis: "In bestimmten Momenten, an bestimmten Tagen erscheint mir unsere Existenz als nahezu unmöglich, und das hat nichts mit Kriegen oder gesellschaftlichen Krisen oder Diseasen zu tun. Wie viele kleine, chemische Reaktionen mit extrem engen Toleranzen müssen allein stattfinden, um nur die Sauerstoffversorgung meines Gehirns sicherzustellen! Und wenn ich dann noch mit den Zehen wackel...und in diesem Moment die Nachricht eintrifft, dass ich den Günter-Eich-Preis gewonnen habe - herzlichen Dank für diesen besonderen Preis, ich bin sehr glücklich. Und das ungebrochene Engagement der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig fürs Hörspiel ist echt ein Leuchtfeuer! Bitte immer schön nachlegen."
Die Jury, zu der neben dem Vorsitzenden Thomas Fritz auch Diemut
Roether (Fachredakteurin für Medienthemen bei epd medien) und Wolfgang Schiffer (langjähriger Leiter Hörspiel, Radio-Feature und Literatur beim WDR) zählten, begründet ihre Wahl des Preisträgers: „Unter den Avantgardisten ist Hermann Bohlen der mit der größten Aufgewecktheit, dem feinsten Gespür für die aufregende Vielgestaltigkeit der Tradition, unter den Hörspiel-Enzyklopädisten ist er auf seine schalkhafte Art der verwegenste Um- und Neudenker.“ (Hinweis: vollständige Jury-Begründung am Ende der Meldung)
Zum Preisträger
Hermann Bohlen, geboren 1963 in Celle, studierte von 1986 bis 1992 Sinologie in Hamburg, Berlin und Shanghai. Schon während seines Studiums entstanden seine ersten Hörspiele, seit 1995 arbeitet er als freier Hörspielmacher. Bohlens frühe Stücke wie Gekaut!! (Bis es von alleine herunterläuft) (1990) und Die Wauwautheorie (1995) spielen mit Sprachklängen und zeigen ein pataphysisches Interesse an Sprachphilosophie. Gekaut!! porträtiert den Lebensreformer Horace Fletcher in einer Kunstsprache aus Deutsch, Plattdeutsch, Englisch, Chinesisch und Französisch; Wauwautheorie handelt von der Onomatopoesie.
Mit Prozedur 7.7.0 (1996) nutzt Bohlen - in der Tradition des von Orson Welles als Radioreportage inszenierten Hörspiels Krieg der Welten - das Originalton-Hörspiel als Fake. Bohlens Stück stellt eine Welt vor, in der Kommunikationsverweigerern zur Identifizierung Transponder-Chips implantiert werden. Wie in vielen seiner Hörspiele sprechen auch in diesem ausschließlich Laien. In Sag doch auch mal was oder Das Luxurieren der Bastarde (1998) montiert Bohlen auf Flohmärkten und anderswo gefundene private Tonaufzeichnungen und entwirft so ein 50-minütiges Panorama einer Übergangszeit zwischen dem langsam verblassenden Krieg und allmählich heraufziehendem Pop. Ähnlich verfährt er in Onager (2004), wenn er hier auch eher kammerspielhafte Situationen schafft. Waren alle seine Stücke seit Prozedur 7.7.0 nach Anweisungen des Autors improvisiert, arbeitet er in Gräser fliegen nur noch selten (2005) erstmals wieder mit einem Produktionsmanuskript. Die Süddeutsche Zeitung nannte dieses Hörspiel den "bisherigen Höhepunkt seines Schaffens". Im Jahr 2000 konzipierte und präsentierte Hermann Bohlen den Plopp-Wettbewerb für unabhängige Hörspielmacher an der Berliner Akademie der Künste, zu deren Mitglied er im Jahr 2009 ernannt wurde.
Hermann Bohlens Hörspiele wurden mehrfach ausgezeichnet, darunter u. a. mit dem Hörspielpreis der Akademie der Künste 1997, dem Deutschen Hörspielpreis der ARD 2012 und dem Deutschen Preis für Audiostories in der Kategorie "Innovatives oder künstlerisches Hörspiel" (vormals Hörspielpreis der Kriegsblinden).
Zum Preis
Der von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig ausgeschriebene Günter-Eich-Preis würdigt Autorinnen und Autoren, die dem Radiogenre "Hörspiel" ein Oeuvre von inhaltlicher und formaler Kompetenz gewidmet haben. Bisherige Preisträger waren Alfred Behrens (2007), Eberhard Petschinka (2009), Hubert Wiedfeld (2011), Jürgen Becker (2013), Ror Wolf (2015), Friederike Mayröcker (2017), Andreas Ammer & FM Einheit (2019), Paul Plamper (2021), Ulrike Haage (2022) sowie Katharina Bihler & Stefan Scheib (2024). Der Preis wird alle zwei Jahre gemeinsam mit dem Axel-Eggebrecht-Preis für herausragende Radio-Feature-Autoren vergeben.
Die vollständige Jury-Begründung
"Hermann Bohlen kam mit der aufblühenden Independent-Szene der 1990er Jahre zum Hörspiel, und er ist dem Geist und dem Elan, der Inspiriertheit und dem Freimut jener Hörspiel-Abenteurer treu geblieben. Bis heute schreibt er viele seiner Stücke selbst, inszeniert sie selbst und 'frickelt sie zusammen' (O-Ton Bohlen) in stunden- oder tagelanger Arbeit an seinem Computer…Nicht selten ist er auch noch sein eigener Hauptdarsteller. Auf an die 30 Stationen, sprich Hörspiele, summiert sich seine Erkundungs- und Entdeckungsreise durch das weitläufige Hörspiel- und Radiogelände, neugierig auf die sich immer weiter ausdehnenden Ränder, aber auch auf dessen geheimes Zentrum, auf die dramaturgisch ausgefuchsten Genre- und Unterhaltungsformate.
Er hat aber auch ein Herz für die vom Novitäten-Rumor nicht zu verwüstenden Klassiker. So ist es kein Zufall, dass Hermann Bohlen 2007 mit der vierstündigen, von allen ARD-Sendern ausgestrahlten Sondersendung zum 100. Geburtstag von Günter Eich betraut wurde. Unter den Avantgardisten ist er der mit der größten Aufgewecktheit, dem feinsten Gespür für die aufregende Vielgestaltigkeit der Tradition, unter den Hörspiel-Enzyklopädisten ist er auf seine schalkhafte Art der verwegenste Um- und Neudenker.
Der vergnügte Einfallsreichtum, der formale Wagemut, die Perfektion der technischen Realisierung und der unerschöpfliche, äußerst trockene Humor seiner stets hintergründigen und zugleich augenzwinkernden, unverwechselbaren Stücke sind mit vielen Preisen gewürdigt worden, zuletzt 2025 mit dem Deutschen Preis für Audiostories, der 70 Jahre lang als Hörspielpreis der Kriegsblinden Literatur- und Mediengeschichte geschrieben hat. In einmütiger Entscheidung der Jury wird Hermann Bohlen, und mit ihm die Hörspielabteilung des Schweizer Radios und Fernsehens, die ihn nominiert hat, mit dem Günter-Eich-Preis 2026 geehrt."