Zum 100. Geburtstag: Erich-Loest-Preis 2026 an Durs Grünbein verliehen.
Leipzig, der 24. Februar 2026. Anlässlich des 100. Geburtstages von Erich Loest hat die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig am 24. Februar 2026 den Erich-Loest-Preis 2026 an den Schriftsteller und Georg-Büchner-Preisträger Durs Grünbein verliehen. Der von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig im Andenken an den am 12. September 2013 verstorbenen Leipziger Schriftsteller und Ehrenbürger Erich Loest ins Leben gerufene Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird zum sechsten Mal verliehen. Die Laudatio auf Durs Grünbein hielt Bundespräsident a. D. Joachim Gauck.
Gauck würdigte den Preisträger: "Durs Grünbein ist kein Autor der Parole. Er ist auch kein Autor der schnellen moralischen Abkürzung. Seine Texte arbeiten gegen die Verflachung, indem sie differenzieren. Nicht aus der Lust an der Kompliziertheit, sondern aus dem Respekt vor der Wirklichkeit."
Durs Grünbein bedankte sich "beim Namensgeber für die unerwartete Auszeichnung" und nannte sich selbst "einen Vertreter der 'Generation Sinnlos'", für die die DDR nicht mehr relevant und die Mauer nur mehr eine Begrenzung von Möglichkeiten gewesen sei. "Wie der Erzähler (Loest) glaube ich, dass die Ereignisse auf den Straßen liegen...Und wie der Erzähler glaube ich bis heute daran, dass in unhaltbaren Regimen der Umsturz jederzeit möglich und der historische Horizont folglich offen ist."
Zuvor hatte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung in seinen Grußworten an den Leipziger Ehrenbürger und Namensgeber des Preises Erich Loest erinnert: "Die moralische und menschliche, die gesellschaftliche und politische Verantwortung als Schriftsteller, das war sein Antrieb und das war die Grundfarbe seiner Romane und Erzählungen. Der Einzelfall der literarischen Verarbeitung war eben nicht einzeln, sondern kam oft aus dem Keller oder der Mitte der Gesellschaft und brachte manchmal das ganze Haus bis zum Dach ins Wanken."
Dr. Harald Langenfeld, Vorstand der Medienstiftung sowie der Sparkasse Leipzig, zog die Verbindung zwischen Erich Loest und Preisträger Durs Grünbein: "Beider erinnern uns daran: Literatur ist Verantwortung. Sie fordert uns heraus, macht uns nachdenklich und manchmal – wenn wir Glück haben - lässt sie uns die Welt ein Stück klarer sehen."
Loest-Briefedition für Gauck und Grünbein
Im Rahmen der Preisverleihung wurde auch eine Edition von Briefen und Briefwechseln Erich Loests vorgestellt, deren Herausgabe die Medienstiftung anlässlich seines 100. Geburtstages gefördert hat: "Mensch, was haben wir alles hinter uns" verfolgt Briefwechsel des Autors zwischen 1953 und 2013. Als Herausgeber des bei Steidl, Göttingen erschienen Bandes fungiert Journalist Thomas Mayer, der gemeinsam mit Dr. Gudrun Mayer die Briefwechsel in Erich Loests am Sitz der Medienstiftung in Leipzig verwahrten Nachlass sowie in zahlreichen weiteren Literaturarchiven und Privatnachlässen recherchiert und anschließend editiert hatte. "Erich Loest vereint die Tragik deutscher Geschichte von den Endtagen des 2. Weltkrieges bis ins 21. Jahrhundert in einem, seinem schriftstellerischen Leben. Dies zeigt sich in den nun veröffentlichten Briefwechseln auf eindrucksvolle Art und Weise", erklärte Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung.
Die Briefedition setzt ein mit Briefen Loests, die er während seiner Haftzeit im berüchtigten Gefängnis Bautzen unter den Augen der Staatssicherheit an seine Ehefrau Annelies und seinen Sohn Thomas schrieb. Anschließend finden sich unter anderem Briefwechsel mit den Schriftstellerkollegen Günter Kuhnert, Christa Wolf, Hans-Joahim Schädlich, Sarah Kirsch oder Hermann Kant sowie mit intellektuellen Größen wie Günter Grass, Gerhard Zwerenz, Ralph Giordano oder Walter Kempowski. Die ersten beiden Exemplare des Buches wurden während der Preisverleihung an Preisträger Durs Grünbein sowie Laudator Joachim Gauck übergeben.
Zum Preisträger:
Durs Grünbein wurde 1962 in Dresden geboren. 1985 zog er nach Ost-Berlin und begann ein Studium der Theaterwissenschaft. Schon 1987 brach er sein Studium ab und entschied sich für das Schreiben. Er beschäftigte sich autodidaktisch mit Quantenphysik und Neurologie, mit Philosophie, etwa Ludwig Wittgenstein, der Frankfurter Schule und den französischen Strukturalisten. Grünbein beteiligte sich außerdem bei verschiedenen Zeitschriften sowie Ausstellungs- und Verlagsprojekten.
1988 erschien Grünbeins erster Gedichtband "Grauzone morgens" im Suhrkamp Verlag. Die Texte aus dem Zeitraum von 1985 bis 1988 vermitteln in nüchternen Momentaufnahmen einen authentischen Eindruck des Lebensgefühls in den urbanen Zentren der DDR. 1991 folgte der viel beachtete Band "Schädelbasislektion", dessen Gedichtzyklen die Zeit vor, während und nach der Wende thematisieren. In "Falten und Fallen" (1994) setzt Grünbein sein poetisches Konzept der analytischen Lyrik zwischen Sprache und Physis fort.
In den Gedichtbänden der folgenden Jahre suchte Grünbein formal und thematisch verstärkt den Dialog mit großen Dichtern der Weltliteratur. So ist zum Beispiel "Vom Schnee" (2003) ein Porträt des Philosophen René Descartes in Form eines epischen Gedichts. Unter dem Eindruck seines Rom-Aufenthalts als Stipendiat der "Villa Massimo" entstand 2009 "Aroma - Ein römisches Zeichenbuch" als ein Kaleidoskop aus Gedichten und Prosabildern. 2022 erschien mit "Äquidistanz" sein mittlerweile zwölfter Gedichtband. Sein erster Roman "Komet" wurde 2023 veröffentlicht.
Grünbein veröffentlichte außerdem mehrere Essaysammlungen, zahlreiche Katalogbeiträge, ein Opernlibretto sowie Neuübersetzungen von Theaterstücken der Antike. Sein Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt. 1995 erhielt Grünbein den "Peter-Huchel-Preis" für Lyrik und, als bis dahin jüngster Autor, den "Georg-Büchner-Preis". 2003 wurde ihm als erstem Nicht-Philosophen der "Friedrich-Nietzsche-Preis" verliehen. 2009 erhielt er das "Große Verdienstkreuz mit Stern" der Bundesrepublik Deutschland. Durs Grünbein ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Freien Akademie der Künste in Hamburg, der Freien Akademie der Künste zu Leipzig und der Sächsischen Akademie der Künste. Seit 2005 ist er Professor für Poetik an der Kunstakademie Düsseldorf und seit 2008 Mitglied des Ordens "Pour le mérite" für Wissenschaft und Künste in Berlin. Grünbein lebt in Rom und Berlin.
Zum Preis:
Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig im Andenken an den Schriftsteller Erich Loest seit 2017 vergeben. Im Regelfall erfolgt die Preisvergabe in zweijährigem Rhythmus. Diese Regel wird anlässlich des 100. Geburtstages Erich Loests mit einer zusätzlichen Preisverleihung durchbrochen. Erich Loest war den Stiftungen der Sparkasse zeitlebens eng verbunden - als Gründungsmitglied der Medienstiftung und als Mäzen der Kultur- und Umweltstiftung, der er seinen literarischen Nachlass übereignete. Der Preis würdigt Autoren, die die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Deutschland nicht nur beschreiben, sondern mit ihrer Stimme den demokratischen Diskurs mitgestalten. Zudem sollen die Preisträger dem mitteldeutschen Raum verbunden sein. Bisherige Preisträger waren Guntram Vesper (2017), Hans Joachim Schädlich (2019), Ulrike Almut Sandig (2021), Ines Geipel (2023) und Ronya Othmann (2025).