"Mangelnde Feinfühligkeit gegenüber der Geschichte"

Linde Rotta stellte in Leipzig ihren Blick auf den Leipziger Bilderstreit vor.

Leipzig, der 12. Januar 2026. Am heutigen Montagabend stellte die Autorin Linde Rotta auf dem Mediencampus Villa Ida der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig ihr neues Buch "Rost war die Farbe der Zeit" vor. Im Gespräch mit dem Künstler Reinhard Minkewitz berichtete die Lebensgefährtin von Erich Loest (1926-2013) von der Entstehung des Bildes "Aufrecht stehen".

Linde Rotta beschreibt in ihrem Buch die Diskussionen um Minkewitz' Bild als einen "schleppenden", "bis zum Schluss nervenzerrenden" Prozess, der allerdings vor allem zur "banalen Seifenoper" taugte. Erich Loest sei es nicht darum gegangen, den künstlerischen Wert von Werner Tübkes Werk "Arbeiterklasse und Intelligenz" anzuzweifeln. Es sei vor allem wegen der dargestellten Persönlichkeiten, so wiederholte Rotta es auch im Gespräch mit Andreas Platthaus, Chef des Ressorts Literatur und literarisches Leben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie Vorsitzender der Jury des Erich-Loest-Preises der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig, ein "Propagandabild" gewesen. Dieses unkommentiert in der Universität auszustellen, sei für Loest nur mit "fehlender Feinfühligkeit gegenüber der Geschichte" zu erklären gewesen. Daraus sei die Idee entstanden zu einem Bild, das auch die Opfer der realsozialistischen Universitätspolitik darstellte. Ernst Blochs Idee des Aufrechtstehens sei der Leitgedanke für ein mögliches zweites Bild gewesen, das in der Universität zu präsentieren sei.

Reinhard Minkewitz erinnerte sich ebenso an den langwierigen Entstehungsprozess seines Bildes, den Loest initiiert, vorangetrieben und finanziert hatte. Mehrfach sei das Projekt für beendet erklärt worden, es war "eine komplizierte Strecke". Diese habe jedoch dazu beigetragen, Diskussionen auch über die Geschichte der DDR und die Rolle der Leipziger "Karl-Marx-Universität" zu führen. Für ihn persönlich habe gegolten: "Mein Bild sollte kein politisches Programm formulieren, sondern wollte ein Zeitklima transportieren." Dieses spiegele sich in der geringen Tiefe des Bildes, in der strengen Darstellung der Figuren, in der Farbwahl. Linde Rotta hatte letztere Erich Loest einen Tag vor dessen Tod als "rostig" beschrieben. "Rost war die Farbe der Zeit", antwortete Loest darauf und steuerte so den Titel zu Rottas Essay bei.

Dr. Harald Langenfeld, Vorstandsvorsitzender der Medienstiftung und der Sparkasse Leipzig, bedankte sich bei Linde Rotta für die Dokumentation des "Leipziger Bilderstreits" aus sehr persönlicher Sicht: "Erinnerung ist mehr als Rückschau. Sie ist ein Aufrechterhalten dessen, was gewirkt hat - in Gedanken, in Worten, in Haltungen. Erichs Loests Arbeiten, seine Meinungen, seine Beharrlichkeit, ja, sein 'Aufrecht stehen' hallen bis heute nach."

Hintergrund:

Der "Leipziger Bilderstreit" prägte über Jahre die gesellschaftliche Diskussion in Leipzig und weit darüber hinaus. Durch den Entschluss der Universität Leipzig, Werner Tübkes Gemälde "Arbeiterklasse und Intelligenz" auch im neuen Hauptgebäude der Universität wiederaufzuhängen, sah Erich Loest die Notwendigkeit, der Aussage von Tübkes Auftragswerk von 1973 eine Antwort in Bildform entgegenzustellen: Es sollten nicht allein das Wirken der "herrschenden Klassen" der DDR präsentiert, sondern vor allem an die Opfer dieser "herrschenden Klassen" und hier insbesondere an die politisch Verfolgten an Leipzigs Alma Mater erinnert werden. Aus diesem Antrieb heraus beauftragte Loest auf eigene Kosten Reinhard Minkewitz mit der Schaffung des Bildes "Aufrecht stehen".

Erich Loest, der am 12. September 2013 starb, erlebte die öffentliche Präsentation des entstandenen Kunstwerks in den Räumlichkeiten der Universität Leipzig nicht mehr. Der Kampf um "Aufrecht stehen" beschäftigte ihn bis zuletzt - wie seine Tagebücher beweisen. Es ist dem persönlichen finanziellen Engagement und der Hartnäckigkeit Linde Rottas - mit maßgeblicher Unterstützung des früheren EU-Parlamentsmitglied Werner Schulz (†) - zu verdanken, dass "Aufrecht stehen" schließlich 2015 seinen Platz im Hörsaalgebäude der Universität Leipzig fand.

Das Buch:

Linde Rotta legt ihren Blick auf die Auseinandersetzungen um Minkewitz' Bild vor. In ihrem erzählenden Essay greift sie - gestützt auf eigene Erinnerung ebenso wie auf Erich Loests Tagebücher, Zeitungsartikel und Briefwechsel - weit aus in die frühe Geschichte der DDR, in die Diskussionen um Tübkes Bild, aber auch die Emotionalität Loests in Bezug auf Minkewitz' Arbeit. "Rost war die Farbe der Zeit" ist damit gleichermaßen ein dokumentarischer wie ein sehr persönlicher Text, der in den vergangenen 30 Jahren Geschehenes in Erinnerung ruft und sich gegen die Klitterung jüngster Geschichte verwahrt - getreu Loests Motto: "Eine Geschichte, die nicht aufgeschrieben wird, existiert nicht."

Linde Rottas Essayband „Rost war die Farbe der Zeit” ist am 7. Januar 2026 im Berliner Gans Verlag erschienen.

Zur Person:

Linde Rotta wurde 1937 in Eisenstadt in Österreich geboren und wuchs in Villach auf. Sie arbeitete als freie Autorin und Journalistin, u. a. für den WDR, den Deutschlandfunk, den ORF und die Zeitschrift "Brigitte". Sie schreibt Erzählungen, Gedichte, Hörspiele und Essays und erhielt dafür mehrere Preise. Sie ist Mitglied des Verbands Deutscher Schriftsteller. Linde Rotta lebt in Leipzig.

Information für Journalisten:

Presseexemplare für Rezensionen von "Rost war die Farbe der Zeit" erhalten Sie über den Gans Verlag, Ansprechpartner: Ulrich Leinz, 0179-1305279, gansverlag@gansverlag.de